Long-read Genome Sequencing: The Next Revolution for Rare Diseases
Den Auftakt der dritten Session machte Prof. Dr. Alexander Hoischen vom Radboud University Medical Center. Im Zentrum seines Vortrags stand der Übergang zur sogenannten Long-read-Genomsequenzierung. Diese ermöglicht es, DNA in deutlich längeren Abschnitten zu analysieren und dadurch auch komplexe genetische Veränderungen zu erfassen, die mit bisherigen Methoden oft unentdeckt bleiben.
Hoischen machte deutlich, dass die aktuelle Diagnostik an Grenzen stößt. Trotz moderner Verfahren bleibt bei mehr als der Hälfte der Patientinnen und Patienten die genetische Ursache ungeklärt, während gleichzeitig häufig mehrere aufeinanderfolgende Tests notwendig sind. Dieser iterative Ansatz ist zeitaufwendig und verzögert häufig eine klare Diagnose.
Neue Technologien könnten hier einen grundlegenden Wandel einleiten. Studien zeigen, dass sich zusätzliche Diagnosen stellen lassen und insbesondere komplexe Varianten deutlich besser erkannt werden. Auch bereits untersuchte Fälle können so nachträglich aufgeklärt werden. Klinische Beispiele verdeutlichten, dass selbst nach umfangreicher Diagnostik noch ursächliche genetische Veränderungen identifiziert werden können.
Sein Ausblick: Langfristig sollte es möglich sein, verschiedene diagnostische Ansätze in einem umfassenden Test zu bündeln, um Diagnostik zu vereinfachen, zu beschleunigen und die Versorgung deutlich zu verbessern.
Connecting the Dots: Integrating Natural History, Patient Voices and Data
Im Anschluss zeigte Prof. Dr. Agnès Linglart von der Université Paris-Saclay und dem Hôpital Bicêtre, wie entscheidend strukturierte Daten für das Verständnis und die Versorgung Seltener Erkrankungen sind. Anhand der seltenen Stoffwechselerkrankung X-linked Hypophosphatämie verdeutlichte sie, wie sich durch Register, Kohorten und Langzeitbeobachtungen ein umfassenderes Krankheitsbild entwickeln lässt.
Deutlich wurde dabei auch ein Perspektivwechsel. Statt einer reinen Knochenerkrankung wird die Erkrankung heute als lebenslange, multisystemische Erkrankung verstanden. Besonders eindrücklich war dabei der Blick auf die Lebensrealität der Betroffenen. Neben klinischen Parametern rücken Aspekte wie Schmerzen, eingeschränkte Mobilität oder Zahnprobleme zunehmend in den Fokus, da sie die Lebensqualität maßgeblich prägen. Linglart machte deutlich, dass erst die systematische Verknüpfung von klinischen Daten, Registern und nationalen Datenbanken ein besseres Verständnis von Krankheitsverläufen und Therapieeffekten ermöglicht. Unterschiedliche Datenquellen ergänzen sich dabei und liefern jeweils spezifische Einblicke in Versorgung, Verlauf und Behandlung. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Datenerhebung zielgerichtet erfolgt und klaren wissenschaftlichen Fragestellungen folgt.
Clinical and Research Frontiers in Rare Disease Genomics
Monica Wojcik MD, MPH, Neonatologin und klinische Genetikerin am Boston Children’s Hospital, gab Einblicke in aktuelle Entwicklungen an der Schnittstelle von Forschung und klinischer Anwendung.
Im Zentrum stand die Arbeit des GREGoR-Konsortiums, das genomische Technologien weiterentwickelt und für die Diagnose Seltener Erkrankungen nutzbar macht. Dabei wurde deutlich, dass insbesondere die Ganzgenomsequenzierung zusätzliche diagnostische Möglichkeiten eröffnet, etwa bei strukturellen oder komplexen genetischen Veränderungen, die mit anderen Verfahren schwer zu erfassen sind.
Ein weiterer Fokus lag auf der Kombination verschiedener Datenebenen im Sinne von Multi-Omics, bei der genomische Daten mit weiteren molekularen Informationen wie RNA-, Protein- oder Stoffwechselanalysen verknüpft werden, um Krankheitsursachen besser zu verstehen.
Besonders eindrücklich war der Blick in die klinische Praxis. In der Neonatologie ermöglichen schnelle Sequenzierverfahren Diagnosen innerhalb weniger Tage, in Einzelfällen sogar innerhalb von 48 Stunden, und damit frühere und gezieltere Therapieentscheidungen. Die Entwicklung geht dabei hin zu immer kürzeren Analysezeiten und einem breiteren Einsatz in der Versorgung.
Zugleich betonte Wojcik die Bedeutung eines gerechten Zugangs zu diesen Technologien. Noch immer sind bestimmte Bevölkerungsgruppen in der genetischen Forschung unterrepräsentiert, was die Übertragbarkeit von Erkenntnissen einschränken kann. Ziel sei es daher, die Potenziale der Genommedizin möglichst breit und inklusiv nutzbar zu machen.
Standards, Metadata and Interoperability: Making EHDS Work for Rare Disease Data
Dipak Kalra, Präsident des European Institute for Innovation through Health Data, beleuchtete die Rolle des European Health Data Space für die Nutzung von Gesundheitsdaten im Bereich Seltener Erkrankungen.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Daten europaweit besser zugänglich und nutzbar gemacht werden können, sowohl für die Versorgung als auch für Forschung und Innovation. Der EHDS soll hierfür einen Rahmen schaffen, der den Austausch von Gesundheitsdaten über Ländergrenzen hinweg erleichtert und gleichzeitig die Kontrolle und Transparenz für Patientinnen und Patienten stärkt.
Kalra machte deutlich, dass der Nutzen solcher Datenräume entscheidend von Qualität und Interoperabilität abhängt. Einheitliche Standards, strukturierte Metadaten und gemeinsame Formate sind Voraussetzung dafür, Daten sinnvoll zusammenzuführen und auszuwerten. Nur wenn Daten semantisch einheitlich erfasst und technisch kompatibel sind, können sie über Systeme hinweg verlässlich genutzt werden. Zugleich erfordert die Nutzung sensibler Gesundheitsdaten klare und transparente Zugangsregeln. Geplant sind hierfür strukturierte Zugangsprozesse und sichere Auswertungsumgebungen, die sowohl Datennutzung ermöglichen als auch den Schutz der Daten gewährleisten.
Sein Beitrag unterstrich, dass erst das Zusammenspiel aus Regulierung, Standards und Infrastruktur das Potenzial großer Gesundheitsdatenräume erschließt.
A Data Ecosystem for Rare Diseases: The Role of the Network of University Medicine
Den Abschluss der dritten Session gestaltete Ralf Heyder, Leiter der Koordinierungsstelle des Netzwerks Universitätsmedizin, mit einem Blick auf den Aufbau nationaler Dateninfrastrukturen für Seltene Erkrankungen.
Er skizzierte die aktuelle Situation, in der Daten häufig fragmentiert, in krankheitsspezifischen Registern isoliert und nur begrenzt miteinander verknüpfbar sind. Zudem bestehen Lücken in der klinischen Routinedokumentation und unterschiedliche Anforderungen an Forschung und Datennutzung erschweren eine standortübergreifende Zusammenarbeit. Mit dem Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) entsteht in Deutschland eine Infrastruktur, die diese Herausforderungen adressieren soll.
Ziel ist es, klinische Routinedaten, Register, Biomaterialien und weitere Datenquellen in einem integrierten, modularen System zusammenzuführen und für Forschung und Versorgung nutzbar zu machen. Dabei werden unterschiedliche Datentypen und Plattformen über gemeinsame Schnittstellen verbunden und schrittweise in eine umfassende Datenlandschaft integriert.
Heyder unterstrich, dass der Mehrwert solcher Datenräume vor allem in ihrer Vernetzung liegt. Erst durch die Verbindung unterschiedlicher Datenquellen und die Anwendung gemeinsamer Standards können umfassendere Analysen und neue Erkenntnisse entstehen. Sein Beitrag zeigte, wie nationale Initiativen den Aufbau leistungsfähiger Datenökosysteme vorantreiben und damit eine wichtige Grundlage für die zukünftige Forschung und Versorgung im Bereich Seltener Erkrankungen schaffen.
Die Beiträge der dritten Session machten deutlich, wie entscheidend das Zusammenspiel von technologischer Innovation, Datenintegration und leistungsfähigen Infrastrukturen für die zukünftige Versorgung Seltener Erkrankungen ist.
Einblicke in die einzelnen Sessions des 10. Rare Disease Symposiums finden Sie hier:
Keynote: From Silos to Systems: A Vision for the Future of Rare Disease Medicine
Session 1: Case Study Rare Obesity
Session 2: Collaboration Beyond Borders: Models That Work
Closing Lecture: Mapping Invisible Boundaries: The Ethics of Undiagnosed Lives in Rare Disease Research
Fotos: Andrea Katheder
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